Ein Lunch-Termin führte mich diese Woche in Berlin zum Gendarmenmarkt und damit zu dem Ort, der aktuell so viel Anlass gibt für Berlin-Bashing. Seine Neugestaltung wurde als nicht zeitgemäße Steinwüste verspottet.
Meine persönliche Geschichte dazu beginnt bei einem kürzlichen Besuch in der Berliner Gemäldegalerie. Fasziniert stand ich vor dem Renaissance-Gemälde „Idealstadt“ (Bild): Eine kunstvoll versteinerte Stadt, ihrer selbst willen dargetan, ganz ohne Menschen und strikt getrennt von der Natur. Linearperspektive als Programm.


Parallelen zur aktuellen Diskussion drängen sich auf. Unterkomplex, rufen die Spötter, kein Leben, keine Farbe, keine Idee, völlig aus der Zeit gefallen.
Da ich der nachhaltigen Stadtentwicklung näher stehe als der Renaissance-Malerei, komme auch ich nicht umhin, den neu gestalteten Gendarmenmarkt abzugleichen mit Anliegen, die etwa in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (Weiterentwicklung 2025) formuliert sind:
Dabei müssen drängende Entwicklungen im Bereich der Stadtentwicklungspolitik in den Blick genommen und Strategien bzw. Instrumente bereitgestellt werden, insbesondere bei Themen wie der Bodenpolitik, Baukultur, geschlechtergerechten und gemeinwohlorientierten Stadtplanung, sozialen Innovationen, dem Hitzeschutz oder der Resilienzsteigerung, z. B. gegenüber den Folgen des Klimawandels (v. a. durch eine verbesserte Durchgrünung der Städte und naturnahe Gebäude- und Freiraumgestaltung).
Oder nehmen wir den Berliner Stadtentwicklungsplan Klima 2.0, der doch eigentlich die Stadt mit „blau-grünen Maßnahmen“ abkühlen wollte.
Damit ist beinahe alles angesprochen, was man dem Gendarmenmarkt vorhalten kann. Oder doch nicht? Tatsächlich ist es eher die Kritik am Gendarmenmarkt, die unterkomplex ist.



Denn mit dem StEP muss gelten:
Für jeden Ort die richtigen Maßnahmen abzuleiten, verlangt daher spezifische Konzepte.
Und mit der Nachhaltigkeitsstrategie gilt:
Stadtgestalt und Stadtbild sind wichtige Aspekte des subjektiven Wohlbefindens und ausschlaggebend für die Aufenthaltsqualität.
- Die Klimaresilienz des Platzes liegt unter seinem Naturstein verborgen, ein spezifisches ökologisch nachhaltiges Wassersystem.
- Stadtgrün gibt es, aber eben dort, wo es passt und wo es auch grünen kann.
- Entscheidend aber ist, dass der Platz ein städtischer Platz ist, der die besondere Aufenthaltsqualität gerade aus seiner offenen Platzstruktur mit freien Sichtachsen zwischen Konzerthaus, Deutschem und Französischem Dom ableitet.
- Zu kurz greift auch die Vorhaltung, der Mensch käme zu kurz. Die offene Gestaltung dient auch der Ermöglichung von Großveranstaltungen auf dem Platz, was tatsächlich wohl nur der wertschätzen kann, der dies schon einmal erlebt hat.



Idealstadt? Nein, kann und muss nicht , will Berlin auch nicht sein.
Jetzt aber weg mit den Nörglern und her mit dem Konzerthaus, das so wunderbar die (auch energetische) Sanierung feiert und auch zu meinem Lunch schon seine Töne über den Platz schickte.










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