Woran erkennt man, dass eine Studie der Bundesregierung nicht von der Bundeswirtschaftsministerin kommt? Die Studie setzt sich für eine Souveränität Deutschlands gegenüber US Big Tech ein und versteht erneuerbare Energien als Stärke des Landes.

So die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung, die nun im Bundestag verhandelt wird (BT-Drucksache 21/4910). Wohltuend zeigt sich, dass hier der Bundesdigitalminister verantwortlich zeichnet.

Nicht die Bundeswirtschaftsministerin, der nicht nur eine unzulässige Nähe zu US Big Oil & Gas (siehe etwa zum „Gebäudemodernisierungsgesetz„), sondern auch zu US Big Tech nachgesagt wird, letzteres bezogen auf das Energieeefizienzgesetz und Rechenzentren, nachdem schon herauskam, dass Microsoft und andere US-Tech-Unternehmen erfolgreich bei der EU lobbiert hatten, um die Umweltbelastungen ihrer Rechenzentren zu verbergen.

Rechenzentren („Data Centers“) sind eine entscheidende physische Grundlage der digitalen Transformation einer Gesellschaft, sichern die Leistungsfähigkeit moderner Volkswirtschaften, ermöglichen Innovation, stärken Wertschöpfung und bilden eine wesentliche Voraussetzung für digitale Souveränität und Wirtschaftssicherheit in Deutschland und Europa. … Digitale Souveränität bedeutet auch den Abbau von Abhängigkeiten von marktmächtigen außereuropäischen Anbietern, von der Software bis zum Chip.

BT-Drucksache 21/4910, S. 3

Und weiter zu erneuerbaren Energien als Stärke des Landes:

Aufgrund des hohen Anteils erneuerbarer Energien im Strommix, dem Zugang zu sog. Power Purchase Agreements (PPAs) und Herkunftsnachweisen verbunden mit vergleichsweise hoher Energieeffizienz, entsprechenden Regularien und vielen verfügbaren innovativen Technologien bietet Deutschland hervorragende Voraussetzungen für nachhaltige Rechenzentren.

BT-Drucksache 21/4910, S. 6

Das Strategiepapier weist das Ziel aus, die Rechenzentrumskapazitäten in Deutschland bis 2030 mindestens zu verdoppeln und die Rechenkapazitäten für High-Performance-Computing (HPC) und Künstliche Intelligenz (KI) sogar mindestens zu vervierfachen. Die Bundesregierung will ermöglichen, dass Deutschland, gemessen an der Anschlussleistung, dauerhaft zu den bedeutendsten Rechenzentrumsstandorten weltweit zählt und sich dabei zugleich durch ein hohes Maß an Nachhaltigkeit auszeichnet.

Hohe ökologische und soziale Nachhaltigkeitsstandards verbinden wir mit wirtschaftlicher Stärke, Innovation und technologischer Exzellenz.

BT-Drucksache 21/4910, S. 3

Zentrale Herausforderungen sind dabei u.a.:

  • Voraussetzung für einen zukunftsfähigen Rechenzentrumstandort ist ein leistungsfähiges und flexibles Energiesystem.
  • Der Leistungsbedarf von Rechenzentren soll möglichst frühzeitig in die Planung von Netzinfrastrukturen integriert werden.
  • Netzanschlussprozesse sowie die Nutzung vorhandener Kapazitäten sollen Anforderungen von Rechenzentren bestmöglich Rechnung tragen.
  • Energieeffizienz, Erneuerbare Energien, Abwärmenutzung und wassersparende Kühlsysteme sind zentrale Hebel für Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit und alle auch bei der Standortwahl relevant.
  • Geeignete Flächen müssen frühzeitig identifiziert, planerisch gesichert und infrastrukturell erschlossen werden.
  • Im Sinne der Nachhaltigkeit soll dabei vorrangig auf die Nach-, Um- und Doppelnutzung von Flächen geachtet werden, um den Flächenverbrauch nicht weiter zu steigern.
  • Wichtig ist eine vorausschauende Standort- und Raumordnungsplanung.
  • Einschlägige Planungs- und Genehmigungsprozesse sind, unter Wahrung von Umweltstandards, zu beschleunigen.
Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, Rechenzentrumsstrategie, 2026: Handlungsfelder der Rechenzentrumsstrategie

Innovationen über den gesamten Technologie-Stack (d. h. von der Mikroelektronik bis zur Anwendersoftware) in Bereichen wie HPC, Rechenkapazitäten für Anwendungen wie KI, Cloud, Edge und Quantentechnologien, aber auch Innovationen bei energieeffizienter IT-, Kühl-, Abwärme- oder Netzwerktechnologie sind Hebel, um Standortvorteile zu schaffen und die technologische Souveränität zu stärken.

BT-Drucksache 21/4910, S. 17

Die Verfügbarkeit geeigneter und auch für die jeweilige Kommune attraktiver Standorte wird als ein zentraler Faktor für den Rechenzentrumsstandort Deutschland angesehen.

  • Energieeffizienz und Abwärmenutzung werden als zentrale Faktoren für die Planung und den Betrieb von Rechenzentren angesehen.
  • Nachhaltige Rechenzentren zeichnen sich hierbei auch dadurch aus, dass sie vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben werden und dass die Abwärme in die Wärmeversorgung integriert wird.
  • Zu berücksichtigen sind auch relevante Aspekte der Wasserverfügbarkeit und des sparsamen Wasserverbrauchs für die Kühlung.
  • Auch der Ausbau einer funktionierenden und verlässlich nutzbaren Glasfaser- und Mobilfunkinfrastruktur als Standortfaktor ist für die Ansiedlung von Rechenzentren von entscheidender Bedeutung.
  • Ist aus sicherheitspolitischen Erwägungen heraus eine digitale Souveränität gewollt, bedarf es auch einer physischen Härtung der Standorte gegen äußere Einwirkungen sowie autarke Energiekonzepte.

Empfohlen wird die Identifikation von sog. Brownfield-Flächen, also bereits genutzten oder bebauten Flächen wie zum Beispiel ehemaligen Kraft- und Bergwerken oder Industrieanlagen, die für Rechenzentrumsansiedlungen nutzungsbereit wären (ready-to-use), und bei denen absehbar jeweils keine entgegenstehenden Konkurrenzsituationen mit anderen Bedarfsträgern z. B. bei Netzanschlüssen bestehen. Die Studie stellt in Aussicht, dass im nächsten Schritt Handreichungen für Kommunen zur Unterstützung bei der Ansiedlung und dem Bau von Rechenzentren einschließlich der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten erstellt werden.

Hierbei geht es auch um Nutzungskonflikte. Rechenzentren konkurrieren um das knapper werdende Gut der Netzanschlusskapazität mit anderen Anschlusspetenten, derzeit insbesondere Großbatteriespeichern. Gleichzeitig bestehen Konkurrenzsituationen mit anderen Netzanschlusspetenten mit großem Leistungsbedarf. Dazu zählen beispielsweise Unternehmen, die ihre Produktionsprozesse elektrifizieren oder Großwärmepumpen.

Ein wichtiger Nutzungskonflikt aber kommt in der Studie zu kurz. Dringend stellt sich die Frage nach Wohnnutzung vs. Data-Center-Nutzung. Besteht ein Nutzungskonflikt? Und wenn ja: Wer gewinnt ihn?

Wenn in Deutschland Rechenzentren näher an Ballungsräumen entstehen sollen, um Energie effizienter zu nutzen und Abwärme direkt für die lokale Wärmeversorgung einzusetzen, liegt der Nutzungskonflikt auf der Hand. Und wenn eine Umfrage im DKE Newsletter ergibt, dass 92 Prozent der Teilnehmenden ein Rechenzentrum in Wohnnähe akzeptabel fänden und nur 8 Prozent dies ablehnen, muss bezweifelt werden, ob das repräsentativ ist.

Hierbei hilft ein Blick in die USA. Über alle politischen Lager hinweg formiert sich dort ein breiter Widerstand gegen die Ansiedlung von Data Centers, eben weil sie sich negativ auf die Kommunen und die Anwohner auswirken können (siehe etwa nebenstehend NYT).

Wegen der ungewissen Auswirkungen auf die Gemeinden, deren Bewohner und Natur sind die ersten Data Center Ban Bills auf der Agenda: CNN: Data centers are spreading around the country. Now, data-center bans are, too. Data Center drohen zudem nach einigen Berichten, die Affordability Crisis zu verschärfen (Politico: Data center boom poses early challenge for New Jersey’s affordability agenda / Wisconsin town revolts against a Trump-backed data center project).

New York Times, 27 April 2026
(„From Indiana to Idaho, a Backlash Against A.I. Gathers Momentum: The widening movement is pulling in people from all walks of life, united by a worry that Big Tech will cash in while average Americans bear the costs.“)

Siehe auch wie immer treffend bebildert von Matt Wuerker (Politico):
https://www.politico.com/cartoons/2026/04/03/matt-wuerker-cartoons-april-2026-00859067?slide=9

Besonders gravierend aber: Aktuelle Studien legen nahe, dass die Umweltauswirkungen von Rechenzentren gravierender sind als bislang angenommen (CNN: Scientists have found an alarming environmental impact of vast data centers) – mit einer enormen Erwärmung der Umgebung. Hinzukommt, dass ehemals auf green Energy setzende Unternehmen wie Google nun für ihre Data Center auch auf fossile Energie setzen (The Guardian: Google to tap into gas plant for AI datacenter in sharp turn from climate goals). Ein Kraftwerk in Texas würde demnach jährlich 4,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen – mehr als die gesamte Stadt San Francisco. Eine Untersuchung von WIRED zu Genehmigungen für Rechenzentrumsprojekte, die Erdgas nutzen und mit OpenAI, Meta, Microsoft und xAI in Verbindung stehen, zeigte, dass diese jährlich mehr als 129 Millionen Tonnen Treibhausgase ausstoßen könnten (WIRED: New Gas-Powered Data Centers Could Emit More Greenhouse Gases Than Entire Nations).

People protesting near a data center with smoke stacks emitting pollution

Wenn die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung ausdrücklich darauf hinweist, dass es in der Wirtschaft die Bestrebung gebe, eine Energieversorgung auf fossiler Basis zu nutzen (S. 11) und wenn für 2026 eine Novelle des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG) angekündigt wird (S. 12), wird man also genau hinsehen müssen – vor allem auch aus Sicht des Wohnsektors.

Die Bundesregierung fördert die Erforschung nachhaltiger Rechenzentrumstechnologien mit einem ganzheitlichen, sektorübergreifenden Ansatz. Dazu sollen Rechenzentren mit Blick auf ihren ökologischen Fußabdruck in Gänze und unter ihren jeweiligen standortspezifischen Bedingungen betrachtet werden. Das Potenzial zur Verbesserung der ökologischen Nachhaltigkeit muss anhand geeigneter Demonstratoren aufgezeigt werden.

BT-Drucksache 21/4910, S. 19

Siehe auch:

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