In diesem Forum wurde schon darüber berichtet, dass ESG mittlerweile so groß und einflussreich geworden ist, dass es zum neuen Feindbild der politischen Rechten geworden ist und dass in den USA der Kulturkampf in die Finanzwelt getragen wurde. Was als vereinzelte Kritik an ESG begann, hat sich zu einer reaktionären Gegenreaktion aufgebaut, in der Kritik an ESG als Mittel zur politischen Mobilisierung und Spaltung benutzt wird. Dies hat negative Auswirkungen für die Investoren, Banken und Anleger.

Siehe schon:
US Midterms & EU Real Estate Trends: ESG at risk?

Wie aber steht es um die ESG-Hater? Sie verlieren, sogar bei Wählern und Geldgebern der US Republikaner. „Many voters on the right, in line with the traditional conservative ideology, don’t want government meddling in business,“ so das US-Magazin Politico.

Und das hat der wohl prominenteste ESG-Hater übersehen, Floridas Governeur Ron DeSantis, der gerade im US-Präsidentschafts-Vorwahlkampf der Republikaner zum Verlierer wird, neben Geldgebern und Wahlkampfteam auch Anhänger verliert. Ob er auch den Prozess gegen Disney verliert, den er mit seinem Kampf sogar gegen die größten Arbeitgeber und Steuerzahler des eigenen Bundesstaates provoziert hat, weil ihm Disney wegen der liberalen, weltoffenen und pluralistischen Haltung nicht passt, ist noch offen. Disney aber wehrt sich und hat dem Governeur in seiner Klageschrift recht klar den Kampf angesagt:

„A targeted campaign of government retaliation—orchestrated at every step by Governor DeSantis as punishment for Disney’s protected speech—now threatens Disney’s business operations, jeopardizes its economic future in the region, and violates its constitutional rights. … Disney finds itself in this regrettable position because it expressed a viewpoint the Governor and his allies did not like. Disney wishes that things could have been resolved a different way. But Disney also knows that it is fortunate to have the resources to take a stand against the State’s retaliation—a stand smaller businesses and individuals might not be able to take when the State comes after them for expressing their own views. In America, the government cannot punish you for speaking your mind.“
WALT DISNEY PARKS AND RESORTS U.S., INC. ./. RONALD D. DESANTIS, UNITED STATES DISTRICT COURT FOR THE NORTHERN DISTRICT OF FLORIDA

Und der von des ESG-Hatern besonders angefeindete BlackRock-Chef Larry Fink ließ in seinem Annual Chairman’s Letter to Investors im Hinblick auf seine Gegner wissen:

„There are many people with opinions about how we should manage our clients’ money. But the money doesn’t belong to these people. It’s not ours either. It belongs to our clients, and our responsibility and our duty is to them.“

Und weiter:

„The transition to a low-carbon economy is top of mind for many of our clients.“

Eine aktuelle Bloomberg-Umfrage hat ergeben, dass die Finanzbranche infolge der politischen Angriffe vom rechten Rand zwar zurückhaltender sein will bei der Verwendung des Begriffs ESG, sich aber nicht davon abhalten lässt, die ESG-Grundsätze weiterhin in ihre Geschäftstätigkeit einzubeziehen. Politische Angriffe mögen zwar die Nomenklatur prägen, wenngleich auch dies zunehmend erfolglos, werden aber laut der Bloomberg-Umfrage den Ansatz der Finanzbranche bei der Bewältigung einiger Schlüsselkomponenten von ESG wie dem Klimawandel kaum ändern. Nur 18 % der Befragten, die sich selbst als ESG-Anwender bezeichnen, gaben an, dass die Gegenreaktion auf die Bezeichnung sie davon abhält, Klimafaktoren in ihre Entscheidungsfindung einzubeziehen. Die überwältigende Mehrheit will, dass die Politik sich nicht mehr einmischt.

Auch der Think Tank The Conference Board hält in einem Report „How Companies Can Address ESG Backlash“ fest, dass der Widerstand gegen ESG bisher keine nennenswerte Unterstützung oder Reaktion bei institutionellen oder privaten Investoren erreichen konnte. In einer dortigen Umfrage unter Führungskräften
gaben die meisten CEOs an, weltweit und in den USA ihre nachhaltigkeitsbezogenen Investitionen nicht
aufgrund von ESG-Kritik einschränken zu wollen. Allerdings möchte eine Minderheit der Führungskräfte (17 Prozent in den USA) proaktiv ihre Prioritäten ändern oder ihren Fokus neu ausrichten, um sicherzustellen, dass ihre Nachhaltigkeitsbemühungen effektiv und wirkungsvoll bleiben.

  • Nach dem Report kann der ESG-Backlash auch dazu beitragen, die Art und Weise, wie Unternehmen über ESG sprechen, zu schärfen, indem sie den Business Case für die ESG-Integration klarer formulieren und darlegen, wie sie die Wertschöpfung und die Aktionärsrendite steigern. 63 Prozent der Unternehmen, die von Rückschlägen betroffen waren, haben laut einer Umfrage ihren Fokus auf die Verbindungen zwischen ESG und Shareholder Value verstärkt.
  • Die Hälfte der Unternehmen, die einen ESG-Backlash erlitten haben, passen demnach auch proaktiv ihre Terminologie an, wenn sie ESG-bezogene Themen diskutieren – in der Regel, indem sie sich auf „Nachhaltigkeit“ anstelle von ESG beziehen. Während „ESG“ bei Investoren gut ankäme, würde „Nachhaltigkeit“ von Mitarbeitern, Kunden und politischen Entscheidungsträgern tendenziell besser verstanden.

Despite growing backlash, it is important for companies to not lose sight of the powerful pro-ESG market and regulatory forces shaping the business landscape. These include demand from investors for sustainable investment options, growing consumer preferences for sustainable products and services, the importance of purpose-driven work for attracting and retaining talent, the perceived importance of ESG factors in risk management, and the increasing implementation of ESG-related regulations and reporting requirements by governments and regulatory bodies.
The Conference Board: How Companies Can Address ESG Backlash, 2023

Nach dem Report sind es gerade auch die regulatorischen Entwicklungen, welche auch in den USA den Fokus der Corporate-Community auf ESG schärfen werden. Und damit sind wir wieder bei dem ersten Teil dieses Beitrages. Denn genannt sind neben den ausstehenden klimabezogenen Offenlegungsregelungen der US Securities and Exchange Commission auch die EU Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die Standards des International Sustainability Standards Board (ISSB).


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