Eine von dem BDI (Bundesverband der deutschen Industrie) bei der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Auftrag gegebene Studie „Transformationspfade“ erwies sich diese Woche als ein Wake-Up Call – auch für den Gebäudesektor. Sie zeigt auf, wie das Industrieland Deutschland zukunfts- und wettbewerbsfähig bleibt. In der Bundespolitik wird sie bereits aufgegriffen und der BDI hat hieraus politische Schlussfolgerungen abgeleitet.

Die Studie spannt nicht nur den großen Rahmen. Deutschland stehe im Standortwettbewerb mit Ländern wie den USA und China, die vor allem den Aufbau neuer Industrie immer stärker mit politischer Unterstützung begleiten. Das Land solle sich diesem Wettbewerb stellen. Um die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen, soll demnach die Politik die erforderliche Transformation industriepolitisch begleiten.

Die Studie geht auch auf den Gebäudesektor ein. Zunächst mit einer ernüchternden Analye, aber auch mit einem starken zukunftsorientierten Ansatz.

Erforderliche Effzienzmaßnahmen bei Gebäuden werden demnach noch unzureichend mit Förderung angereizt. Unstete Fördermechanismen in den letzten Jahren, Deckelungen von Fördersätzen, unerfüllte Ankündigungen sowie eine unklare Gegenfinanzierung öffentlicher Fördermittelbedarfe erzeugen nach der Studie Unsicherheiten und Attentismus bei Hauseigentümern, was die Klima-Zielerreichung bis 2030 gefährden könnte.

Siehe auch: Klima- und Transformationsfonds (KTF) 2025: Was wird aus der Förderung von Maßnahmen der Energieeffizienz und erneuerbarer Energien im Gebäudebereich, von E-Autos und Ladeinfrastruktur?

Außerdem bleibt demnach der Ausbau der Fernwärme, unterstützt durch die kommunale Wärmeplanung und die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW), aktuell hinter den Erwartungen zurück.

Siehe auch: Wärmenetze für die Wärmewende: Von Erfolgsfaktoren und Konflikten mit anderen Ausbauzielen

Die Elektrifizierung von Wärme wird nach der Studie in dieser Dekade ein massiver Wachstumsmarkt. Um allein die deutschen Klimaziele zu erfüllen, müssten demnach noch in dieser Dekade neue Investitionen in fossile Wärmeerzeugung in der Industrie und nicht erneuerbare Wärmelösungen in Gebäuden weitgehend eingestellt werden. Zugleich müsse die Rate der jährlichen energetischen Gebäudesanierung unverzüglich erhöht werden und graduell um 70 % bis 2030 steigen, um den Energiebedarf von Bestandsgebäuden im Durchschnitt zu halbieren. Das werde enorme Investitionen in Wärmepumpen, elektrische Wärmeerzeuger, industrielle Power-to-Heat-Anlagen und Wärmespeicher auslösen. Weltweit wird nach der Studie bis 2030 für Produktion, Installation und Wartung entsprechender Anlagen bereits ein globaler Markt von über 480 Mrd. Euro erwartet, mit deutlich zweistelligen Wachstumsraten erwartet.

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Ein Zurück in die „alte Zeit“ günstiger fossiler Energie und hoher Nachfrage nach fossilen Technologien wird es voraussichtlich nicht geben. Um sich erfolgreich für die Zukunft zu positionieren, braucht Deutschland deswegen eine „Flucht nach vorn“.

Deutschland muss „sich in die Zukunft investieren“. Den deutschen Industriestandort für neues Wachstum in den kommenden Dekaden aufzustellen wird eine umfassende Transformation erfordern.

BCG / IW / BDI, Transformationspfade für das Industrieland Deutschland, Eckpunkte für eine neue industriepolitische Agenda, 09/2024 (Bild FNI)

Deutschland sollte kurzfristig seinen strukturellen Investitionsbedarf in Infrastruktur, Wohnungsneubau und Gebäudesanierung in tatsächliche Bauaktivität übersetzen. Aktuell werden allein 400.000 neue Wohnungen pro Jahr benötigt, um den bestehenden Wohnungsmangel auszugleichen. Gleichzeitig muss sich die Sanierungsquote im Gebäudebestand fast verdoppeln, um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen. In Zeiten hoher Zinsen sind höhere Anreize erforderlich, um diese notwendige Bauaktivität zu stimulieren. In der Zwischenzeit könnte die öffentliche Hand mit der dringend benötigten Modernisierung von öffentlichen Gebäuden und Straßen sowie dem Ausbau weiterer Infrastrukturen den Sektor kurzfristig stärken.

BCG / IW / BDI, Transformationspfade für das Industrieland Deutschland, Eckpunkte für eine neue industriepolitische Agenda, 09/2024 (Bild FNI)

Außerdem sollten Baunormen und baurechtliche Vorschriften angepasst werden, um vereinfachtes, günstigeres und klimafreundlicheres Bauen zu ermöglichen – z. B. zur Realisierung kostengünstigerer Bauweisen und zur schnelleren Etablierung innovativer Baustoffe im Markt – und es sollten grüne Leitmärkte geschaffen werden, um die Nachfrage nach dekarbonisierten Baustoffen zu stärken.

BCG / IW / BDI, Transformationspfade für das Industrieland Deutschland, Eckpunkte für eine neue industriepolitische Agenda, 09/2024 (Bild FNI)

Gebäude: Sanierungswelle starten

Stabilität und geordnete Weiterentwicklung des gesetzlichen Rahmens: Die European Performance of Buildings Directive (EPBD) muss schnellstmöglich in nationales Recht umgesetzt werden, um den Marktteilnehmern Klarheit und Investitionssicherheit zu geben

Planungssicherheit, Technologieoffenheit und Attraktivität der Förderung (Zuschuss- und Kreditprogramme) gewährleisten

Energieeinsparziele aufzeigen und kampagnenbasiert kommunizieren

Pflicht zur Erstellung von Sanierungsfahrplänen für unsanierte Gebäude einführen und Erweiterung auf Quartiere / Gebäude-Portfolios

BDI, Transformationspfade für das Industrieland Deutschland, Politische Schlussfolgerungen des BDI, 09/2024 (Bild FNI)

Gebäude: Wohnungsneubau voranbringen

Schaffung einer langfristigen und verlässlichen Förderkulisse für den bezahlbaren Wohnungsneubau

Konsequente Fortsetzung des eingeschlagenen Weges zur Reduzierung von Kostentreibern beim Bauen

Vereinfachungen im Bereich der öffentlichen oder öffentlich geförderten Auftragsvergabe bei Vergabeverfahren

Entfall oder Reduzierung der Verpflichtung eines bauaufsichtlichen Verfahrens für Typengenehmigungen auf Ebene der unteren Bauaufsichtsbehörde

BDI, Transformationspfade für das Industrieland Deutschland, Politische Schlussfolgerungen des BDI, 09/2024 (Bild FNI)

Eine weitere Studie bekam zu Recht große Aufmerksamket. Mario Draghi – ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank und einer der renommiertesten Wirtschaftsexperten Europas – wurde von der Europäischen Kommission beauftragt, einen Bericht über seine persönlichen Vorstellungen von der Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit zu erstellen.

Der Bericht befasst sich mit den Herausforderungen, vor denen die Industrie und die Unternehmen im Binnenmarkt stehen. Die Ergebnisse des Berichts sollen in die Arbeit der Kommission an einem neuen Plan für nachhaltigen Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit in Europa einfließen, insbesondere zur Entwicklung des neuen „Clean Industrial Deal“ für wettbewerbsfähige Industrien und hochwertige Arbeitsplätze, der in den ersten 100 Tagen der neuen Amtszeit der Kommission vorgelegt werden soll.

© Copyright by Dr. Elmar Bickert

  • BCG / IW / BDI, Transformationspfade für das Industrieland Deutschland, Eckpunkte für eine neue industriepolitische Agenda, 09/2024
  • BDI, Transformationspfade für das Industrieland Deutschland, Politische Schlussfolgerungen des BDI, 09/2024
  • Mario Draghi, The future of European competitiveness, 09/2024