Als ein Vertreter der Deutschen Bauindustrie die Tage von „neu denken“ sprach, freute ich mich auf neue innovative Ansätze. Ich wurde bitter enttäuscht. Es stellte sich heraus, dass es nur um die Absenkung von Qualitätsanforderungen für den Wohnungsbau und gegen Energieeffizienz ging.
Früher wussten Investoren und Vermietende die Bauindustrie auf ihrer Seite, wenn es darum ging, gesetzliche Regulierungen abzuwehren, die auf eine Absenkung des baulichen Qualitätsniveraus zielen. Im Rahmen des erfolgreichen Kampfes gegen den Berliner Mietendeckel etwa ging es auch darum, dem Versuch entgegenzutreten, den Begriff des angemessenen Wohnraums auf ein reines Preisargument zu reduzieren. Angemessener Wohnraum ist mehr als preisgünstiger Wohnraum und gerade bei der Deutung solcher Begriffe zeigt sich die Gefahr einer verkürzten Diskussion, in welcher Billigbauten oder auch unsanierte Gebäude als die Lösung angepriesen und die sozialen Belange gegen die ökologischen Belange ausgespielt werden und damit sowohl ökologische wie auch ökonomische Risiken begründet und Gefahren für die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Bau- und Immobilienbranche in Kauf genommen werden (so schrieb ich damals in: Ein Klimadeckel für den Mietendeckel? Zur Nachhaltigkeit landesrechtlicher Mietpreisregulierung am Beispiel des MietenWoG Bln, ZfIR 2020, 321).
Weiter wurde in diesem Aufsatz der folgende Ansatz aufgegriffen:
(1.) Masse und Klasse – neuer Wohnraum soll zukunftsfähig sein.
(2.) Energieeffizient und erneuerbar – das Gebäude soll zukunftsfähig sein.
(3.) Verdichtung und Wohnqualität – die Stadt soll zukunftsfähig sein.
Eine verkürzte Diskussion droht aber auch dann, wenn man die nachhaltige Entwicklung des Gebäudebestandes auf Energieeinsparung und Klimaschutz reduziert. Denn Nachhaltigkeit ist komplizierter. Hierzu gehört insbesondere auch die Adaption des Klimawandels, die Klimaanpassung bzw. Klimaresilienz.
Man fragt sich, warum die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Bauwirtschaft derzeit aus dem Fokus zu geraten scheint. Dabei hatte doch eben erst eine ALLIANZ RESEARCH-Studie (nebenstehend) festgestellt, dass die ökologische Transformation des Gebäudebestandes ein Motor für wirtschaftliches Wachstum gerade auch in der Bauwirtschaft wäre.
Nun sind es dankenswerterweise zwei aktuelle Studien von DEUTSCHE BANK RESEARCH, die das Bild zurechtrücken (jeweils August 2025, Autor: Jochen Möbert):
- Die Zukunft des Neubaus I – Technologie, Technologie, Technologie
- Die Zukunft des Neubaus II – Strukturbrüche im Wohnungsbau. Konsolidierung setzt
sich fort. Fertigteilbau dürfte boomen.
Zum einen gehen sie auf die politischen Vorhaben und Initiativen zur Baukostensenkung ein. Hauptsächlich punktuell und temporär mit Kosteneinsprarungen von wenigen Prozent, ohne strukturellen und flächendeckenden Einfluss würden diese wohl wirken.
Siehe zur vernichtenden Kritik des BGH am Gebäudetyp E auch schon: Gebäudetyp E: „E“ wie „Einfach schlecht gemacht“, wie „Einseitig“ oder gleich wie „Ende“?
Das Kernproblem der geringen Produktivität im Baugewerbe bleibt jedoch bestehen, so die Studien.
Das kleinteilige Geschäftsmodell der deutschen Bauindustrie stößt bereits seit Jahren an seine Grenzen. Der allgegenwärtige und sich verschärfende Fach- und Arbeitskräftemangel wird einen Großteil der Nachfrage nicht bedienen können. Es bedarf eines massiven Produktivitätsschubs.
DEUTSCHE BANK RESEARCH, August 2025, Autor: Jochen Möbert, Die Zukunft des Neubaus I – Technologie, Technologie, Technologie, S. 11
Zum anderen wenden sie den Blick auf die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Bauwirtschaft: Es wird der Bedarf an einem massiven Produktionsschub festgestellt und es werden „deutliche Signale“ gesehen, dass
- Digitalisierung,
- Robotik und
- industrieller Bau
das Bauen massiv verändern werden. Endlich also ein Innovationsansatz, der zwar nicht neu ist (siehe auch schon: Digitales Planen, effizientes Bauen und nachhaltiges Betreiben), aber nun nach den Studien endlich in die Realisierung gehen könnte.
Schon 2020 hatte der Bauausschuss des Deutschen Bundestages mit den Leitlinien für innovatives, zukunftssicheres und nachhaltiges Bauen (BT-Drucksache 19/20618) gefordert:
Im Fokus des Handelns muss eine Ausrichtung auf nachhaltiges und wirtschaftliches, innovatives Bauen stehen.
Dies und anderes war auch schon 2022 beim BBA-Baurechtag Thema:

Mich bringt das zurück zur Gijón-Erklärung von EU-Ministern (2023, siehe Bild), wonach es bei der Wohnungsbauindustrie um einen wichtigen und zentralen Sektor geht, der auf Nachhaltigkeit, Qualität, Wohnkomfort, Forschung, Kreativität, Innovation, Modernisierung, Digitalisierung und Industrialisierung verpflichtet ist:
STRESS the importance of improving the condition of existing housing stock, aiming a life cycle approach, confronting challenges such as adequate conservation, functionality, and accessibility of buildings as well as sustainability, considering residential buildings are responsible for a significant part of energy consumption and greenhouse gas emissions in the European Union and CALL that the ecological transition in the buildings sector will be accompanied by social measures.
RECOGNIZE that high quality architecture benefits the well-being of all citizens and has broad transformative potential. To guarantee this quality, it is necessary to promote research, innovation, digitalization, industrialization, and creativity, implementing actions which enable improvements to built environments and the quality of life of citizens, without compromising the quality of life of future generations. On that matter, conservation and promotion of our architectural, urban, and landscapes heritage plays a key role.
CONSIDER it relevant to continue supporting the residential construction industry at all decision-making levels, as a strategic sector in the reactivation of the economy and job creation, stimulating regulatory improvements to reduce barriers to development and promote the sector´s growth and sustainability, supporting industrialization, digitalization and modernization.
Mit der Deutsche Bank Research-Studie kann das gelingen – vorausgesetzt man denkt wirklich neu. Für alle Bauherren bleibt es wichtig wachsam zu bleiben und sich nicht Qualitätsminderungen als „Neues Denken“ verkaufen zu lassen. Und keinesfalls sollten sich Vermietende von Bauunternehmen sagen lassen, Mietenden sei Energieeffizienz nicht wichtig. Denn es sind die Vermietenden, die den Mietenden gegenüber haften.
Es bedarf eines massiven Produktivitätsschubs. Einige Schlüssel zur Lösung dieses Problems liegen mit den aktuell stattfindenden Technologie-Revolutionen auf der Hand. Wir denken, es wäre eine Überraschung, wenn die generelle hohe und rasant zunehmende Bedeutung von Technologie nicht auch weite Teile der Bauindustrie erfassen würde.
DEUTSCHE BANK RESEARCH, August 2025, Autor: Jochen Möbert, Die Zukunft des Neubaus I – Technologie, Technologie, Technologie, S. 11
Siehe auch schon:
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