EU-Handbuch

Die EU BIM Task Group hat angekündigt, ihr Handbook for the Introduction of Building Information Modelling by the European Public Sector vom 06. Juli 2017 in 14 Sprachen übersetzen zu lassen. Noch vor Ende 2017 soll es das Handbuch demnach auch in deutscher Sprache geben.

The introduction of Building Information Modelling (BIM) represents the construction sector’s moment of digitalisation. EU BIM Task Group, Handbook for the Introduction of Building Information Modelling by the European Public Sector, 06. Juli 2017, S. 8

Das Handbuch definiert BIM als eine digitale Form des Bauens und des Immobilien-/Anlagenbetriebes (S. 4). Es vereint Technologie, Prozessverbesserungen und digitale Informationen, um Kunden- und Projektergebnisse sowie den Immobilien-/Anlagenbetrieb radikal zu verbessern. BIM ist demnach ein strategisches Instrument zur Verbesserung der Entscheidungsfindung für Gebäude und öffentliche Infrastrukturanlagen über den gesamten Lebenszyklus hinweg. BIM findet auf Neubauprojekte Anwendung und unterstützt die Renovierung, Sanierung und Instandhaltung der Bestandsobjekte, die den größten Teil des Sektors ausmachen.

Das Handbuch sieht die Möglichkeit, einen europaweiten gemeinsamen strategischen Ansatz für die Einführung von BIM zu harmonisieren (S. 5). Die Vision besteht darin, gemeinsam mit der Privatwirtschaft einen wettbewerbsfähigen und offenen digitalen Baumarkt aufzubauen, der weltweit Maßstäbe setzt. Das Handbuch fordert zu diesem Zweck koordinierte Maßnahmen des öffentlichen Sektors auf europäischer und nationaler Ebene, um diese Vision voranzutreiben, wobei dem öffentlichen Sektor eine Vorreiter- und Vorbildfunktion zukommen soll.

EXKURS: Den Vorbildcharakter von Bauvorhaben des Bundes betont auch der Ministererlass des Bundesbauministeriums vom 16.01.2017, der aus diesem Grund die Digitalisierung von Konzept-, Planungs- und Bauprozessen beim Bundesbau über die bereits festgelegten Pilotvorhaben hinaus zügig voranbringen will. Für zivile Neu-, Um- und Erweiterungsbauvorhaben im Inland mit einem geschätzten Baukostenvolumen ab EUR 5 Mio. soll daher in 4 Phasen die BIM-Geeignetheit geprüft werden und zudem  mit den jeweiligen Maßnahmenträgern/Nutzern abgeklärt werden, ob sie zur Übernahme von möglichen Mehrkosten bereit sind. Und mit dem Masterplan Bauen 4.0 vom 24. Januar 2017 gab das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur das Ziel aus, bei BIM Innovationsführerschaft zu übernehmen. In Zukunft solle in Deutschland der klare Grundsatz gelten: Erst digital, dann real bauen. Bis 2020 soll BIM demnach zum Standard bei neuen Verkehrsinfrastrukturprojekten des Bundes werden.

Der Zweck des EU-Handbuchs soll nicht darin bestehen, eine technische Einführung in BIM zu geben, Standards zu entwickeln oder mit Normungsgremien, Hochschulen und Industrieverbänden zu „konkurrieren“ (S. 13). Es zielt vielmehr darauf ab, bei der Einführung von BIM bewährte Praktiken und entwickelte Standards zu kennzeichnen und die Entscheidungsfindung von Organisationen des öffentlichen Sektors zu informieren, damit sie untereinander und mit dem europäischen Bausektor in Einklang stehen.

Finally, this handbook describes the first steps of a digital revolution for the sector that will, over time, require significant adjustment by construction clients and the supply chain. EU BIM Task Group, Handbook for the Introduction of Building Information Modelling by the European Public Sector, 06. Juli 2017, S. 5


Besondere Aufmerksamkeit verdient das Handbuch auch, soweit es die Vorteile von BIM den drei Nachhaltigkeitsqualitäten zuordnet: Ökonomische, ökologische und soziale Vorteile.

BIM offers economic, environmental and social benefits across a range of different public stakeholders. EU BIM Task Group, Handbook for the Introduction of Building Information Modelling by the European Public Sector, 06. Juli 2017, S. 18

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EU BIM Task Group, Handbook for the Introduction of Building Information Modelling by the European Public Sector, 06. Juli 2017, S. 19

 


Wenden wir uns trotz noch fehlender Übersetzung kurz den Empfehlungen des Handbuchs zur Umsetzungsebene zu, aufgeteilt in die Bereiche

  • Policy
  • Technical
  • Process
  • People & Skills

EU BIM Task Group, Handbook for the Introduction of Building Information Modelling by the European Public Sector, 06. Juli 2017, S. 59 ff. – Implementation level recommendations:

Policy

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Technical

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Process

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People and Skills

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Weitere Leitfäden

Auch in deutscher Sprache wird man bereits jetzt zu BIM-Leitfäden fündig. Zu nennen ist etwa der BIM-Leitfaden für die Planerpraxis des VBI vom September 2016.

Bei der nähren Beschäftigung mit der BIM-Methode wird schnell klar, dass es in vielen Punkten um die Verbesserung der Qualität der integrierten Planung als Grundlage der Realisierung und des Betreibens von Bauwerken geht. VBI, BIM-Leitfaden für die Planerpraxis, September 2016, S. 4.

Damit ist die weitere Nachhaltigkeitsqualität angesprochen, die Prozessqualität, welche sich insbesondere auch über die Prozessqualität der Planung und dabei über eine integrale Planung definiert.

Schließlich sind neben weiteren Praxisleitfäden diverser Blogs etc. das CEN/TC 442 Normungsprogramm für BIM und der RICS Leitfaden Building Information Modelling for Project Managers, 2017, zu nennen. 


Turning Point?

Während eine aktuelle Roland Berger-Studie Turning point for the construction industry – The disruptive impact of Building Information Modeling (BIM) vom 19. September 2017 in der BIM-Technologie einen möglichen Wendepunkt der Bauindustrie auf dem Weg zur Digitalisierung sieht, sieht manch einer in dem Desaster beim Tunnelbauprojekt Rastatt der DB Netz AG – einem BIM-Pilotprojekt – einen hinreichenden Anlass, sich kritisch gegen die BIM-Methode bzw. die Digitalisierung des Bauwesens zu wenden. Nach der Initiative planen-bauen 4.0 spricht der Schadensfall jedoch nicht gegen die digitalen Modelle sondern vielmehr dafür. Denn die digitalen Werkzeuge seien bei diesem Projekt unzureichend eingesetzt worden.

Kommen wir aber nochmals zur vorstehend genannten Roland Berger-Studie zurück: Diese stellt ergänzend fest, dass die Einsatzmöglichkeiten eines BIM-Modells durch Hinzufügung von Informationen über Kosten, Zeit und andere Dimensionen erweitert werden können, etwa um den Aspekt der Nachhaltigkeit (dort Seite 5). Erneut erweisen sich damit die Schnittstellen zwischen dem Nachhaltigkeitsansatz und den BIM-Instrumentarien.


Siehe auch schon: Digitales Planen, effizientes Bauen und nachhaltiges Betreiben: Rechtssichere Digitalisierung durch Stufenplan für Life Cycle Building Information Modelling (BIM)


© Copyright by Dr. Elmar Bickert

Über den Autor Dr. Elmar Bickert

Rechtsanwalt in Berlin, spezialisiert auf das Immobilien- und Baurecht aus dem Blickwinkel des gesamten Lebenszyklus von Immobilien, auf das Energierecht, das Umweltrecht und auf Sustainable Real Estate.