Anschlussbeitrag zu: Fit für den Klimawandel? gif veröffentlicht Kennzahlenkatalog Immobilien-Risikomanagement – ohne Klimarisiken


Ob als Eigentümer, Mieter, Betreiber oder Partner von Investoren und Finanzieren, für alle Unternehmen stellt sich im Zuge der fortschreitenden globalen Erwärmung und den damit verbundenen, nach Intensität und Häufigkeit zunehmenden Extremwetterereignissen die Frage nach dem Einfluss auf die Wertschöpfung von Unternehmen.

Antworten gibt eine aktuelle Analyse des Einflusses von Extremwetterer­eignissen auf die Geschäftstätigkeit von deutschen Unternehmen durch die Helmut­ Schmidt­ Universität (HSU) und das ifo Zentrum für Makroökonomik (Extremwettersensibilität deutscher Unternehmen – Ergebnisse einer Unternehmensbefragung, ifo Schnelldienst 8 / 2020 73. Jahrgang 12. August 2020). Die Studie stellt die Ergebnisse einer Befragung deut­scher Unternehmen vor und analysiert, wie
die fünf besonders in Deutschland relevanten Typen von Extremwetterereignissen

  • Hitze­wellen
  • Kältewellen
  • Trockenheit
  • Stürme
  • Starkregen

die Wirtschaftstätigkeit deutscher Un­ternehmen beeinflussen.

Das Ergebnis:

  • Ein erheblicher Teil der deutschen Unternehmen wird durch Extremwetterereignisse in seiner Wertschöpfung negativ beeinflusst.
  • Besonders stark negativ beeinflusste Bereiche sind demnach das Bauhauptgewerbe, der Einzelhandel, der Be­reich Nahrung, Getränke und Tabak sowie der Bereich Verkehr und Lagerei. Aber auch das Gastgewerbe sei stark negativ in seiner Wertschöpfung beeinflusst.
  • Dieser Anteil der negativ durch Extremwetterereignisse beeinflussten deut­schen Industriefirmen hat über das letzte Jahrzehnt deutlich zugenom­men.
  • Deutlich mehr als die Hälfte aller Unternehmen ha­ben allerdings bisher keine Vorsorgemaßnahmen getroffen, so dass noch ein erheblicher Anpassungsbedarf besteht.
  • Die meisten befragten Unternehmen gehen von einer in der Zukunft zunehmenden Bedeutung vieler Extremwetterereignisse aus.

Im vorherigen Beitrag war bereits dargestellt worden, dass nach vorliegenden Studien Berlin besonders stark von dem Klimawandel betroffen sein könnte. Daher ein besonderer Blick nach Berlin: Bereits im Juli 2020 hatte die Industrie- und Handelskammer zu Berlin unter dem Titel Berliner Unternehmen fit für den Klimawandel machen die Ergebnisse ihrer IHK-Umfrage mit Handlungsempfehlungen veröffentlicht. In Absprache mit der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hatte die IHK Berlin ihre Mitgliedsunternehmen vor dem durch die Corona-Pandemie verursachten Shutdown im Februar 2020 zum Klimawandel und zur Betroffenheit befragt.

Berlin ist mit seinen hoch verdichteten Stadtteilen besonders anfällig gegenüber der zu erwartenden Zunahme von Hitzeereignissen, häufigeren Starkregenperioden sowie periodisch auftretenden Trockenphasen.

Fazit: Der Klimawandel mit seinen Auswirkungen stellt nicht nur die Politik, sondern auch die Berliner Wirtschaft vor große Herausforderungen. Die Umfrage der IHK Berlin zeigt, dass Unternehmen von Wetterextremen stark betroffen sein können.

Wichtige Folgen für die Unternehmen sind demnach u.a.:

  • Sinkende Arbeitsstimmung und Produktivität an Hitzetagen, zu heiße Büros und Produktionsräume.
  • Höhere Brandlast durch trockenes Material, höhere Störanfälligkeit technischer Geräte.
  • Steigende Kosten für die zusätzliche Inbetriebnahme von Kühlungsanlagen für Mitarbeiter, Anlagen oder auch von Produkten.
  • Stürme, Starkregen und Überschwemmungen behindern vor allem den wirtschaftlichen Verkehr, die Anreise von Mitarbeitern, Veranstaltungsteilnehmern oder Kunden.
  • Transport- und Logistikprobleme bei Zulieferern sowie beim Erreichen des eigenen Kunden.
  • Umsatzeinbußen bei schwankenden Wetterereignissen, Produktionsausfälle oder Mehrkosten durch Instandsetzungsmaßnahmen. 
  • Schäden durch Starkregen, Überschwemmungen und Stürme, Produktionsausfälle, vernichtete Waren, Beschädigungen der Immobilie und unzustellbare Lieferungen.

Siehe auch den Aufruf von EY/Urban Land Institute (ULI), Your Views Needed on Future of Work:
As a result of the COVID-19 crisis many trends that we’ve seen developing over the past couple of years, such as digitalisation, sustainability, remote working, and co-working, have rapidly accelerated. The question now is how these and other trends will impact how, where, and with whom we will work, over the mid-to-longer term.“

Wesentliche Handlungsempfehlungen der IHK Berlin sind daher u.a.:

  • Weiterentwicklung der klimaresilienten Stadt und Planungssicherheit für Bauherren und Unternehmen für ihre Projekte etwa durch eine Integration der Erkenntnisse des Stadtentwicklungsplans Klima in die bauplanerische Stadtentwicklung.
  • Neue Förderprogramme zur Unterstützung klimaangepassten Bauens.
  • Großer Handlungsbedarf und hohes Potenzial insbesondere für die wassersensible Gestaltung von Straßen- oder Gewerbeflächen.
  • Förderung der Gesundheit der Mitarbeiter etwa durch ein niederschwelliges Unternehmensangebot zur Förderung bioklimatischer gesundheitsfördernder Maßnahmen am Arbeitsplatz und Förderung der betrieblichen Mobilität.

Klimaangepasste Bauweise für Unternehmen fördern: Klimaangepasste Maßnahmen, die beim Neubau über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen, könnten für Unternehmen bzw. in Gewerbegebieten in den Handlungsfeldern Gebäude, Freiraum und Infrastruktur im gesamten Stadtraum gefördert werden. Gleiches sollte auch für nachträglich verstärkende Maßnahmen bei Bestandsbauten gelten. Ein Förderschwerpunkt könnte in der Rückhaltung von Wasser im Gewerbegebiet liegen.

IHK Berlin, Berliner Unternehmen fit für den Klimawandel machen, Juli 2020, S. 11

SPANNENDES DETAIL:
Nach der Studie sind die Eigentumsverhältnisse nicht dafür relevant, ob die befragten Unternehmen bereits Klimaanpassungsmaßnahmen durchgeführt haben. Der Anteil liege in beiden Fällen (Miete bzw. Eigentum/Erbpacht) bei etwas mehr als der Hälfte.
Ein Grund dafür liegt sicherlich darin, dass nur wenige Unternehmen Anpassungs(bau)maßnahmen am Gebäude selbst bspw. durch Dachbegrünung oder Sturmertüchtigung oder auf der Gewerbefläche bspw. zur Regulierung des Regenwassers vorgenommen haben.“
Siehe auch: „Grünes Mietrecht“: Instrumente für divergierende Anreize zur Energieeffizienz


Passend zu den aktuellen Studien hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt-und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) die Ergebnisse eines Forschungsprojekts veröffentlicht:

Außerdem hat das BBSR gerade eben das BBSR-Hintergrundpapier August/2020 veröffentlicht: Hitze und Starkregen – Wie sich Städte anpassen können.

Deutschland kämpft immer mehr mit den Folgen des Klimawandels. Steigende Temperaturen, längere und intensivere Trockenperioden, feuchtere Winter und häufigere Wetterextreme wirken sich zunehmend auf die Gesellschaft aus. Mehr Hitzetage führen zu steigenden Gesundheitsrisiken, da hohe Temperaturen die Menschen stark belasten können. Städte heizen sich im Sommer stärker als das Umland auf. In Quartieren, in denen viele Flächen überbaut sind, wirken sich Hitzewellen besonders aus. Dicht bebaute Gebiete sind auch anfälliger für Sturzfluten, die sich aus starken Regenfällen ergeben. Oft fließt das Wasser unkontrolliert ab, das Kanalsystem kann die binnen kurzer Zeit niedergehenden großen Regenmengen nicht aufnehmen, es fehlen Sickerflächen. Das Ergebnis: Vollgelaufene Keller und Schäden an Gebäuden und anderer städtischer Infrastruktur.

BBSR-Hintergrundpapier August/2020

Über den Autor Dr. Elmar Bickert

Rechtsanwalt in Berlin, spezialisiert auf das Immobilien- und Baurecht aus dem Blickwinkel des gesamten Lebenszyklus von Immobilien, auf das Energierecht, das Umweltrecht und auf Sustainable Real Estate.