„Corona-Pandemie und Klimawandel zeigen immer deutlicher, wie vernetzt und verletzlich alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche in Deutschland sind.“ So formuliert es die Bundesregierung in ihrem zweiten Fortschrittsbericht zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel. Und so sind es für die Immobilien- und Baubranche insbesondere Schlagwörter wie Gesundheit, Sicherheit, Nutzwert, Wohn- und Arbeitskomfort, Lebens- und Arbeitsqualität, Produktivität, Nutzungs- und Standortanforderungen, bauliche, gestalterische und städtebauliche Qualität sowie Zukunftsfähigkeit von Geschäftsmodellen und Asset-Klassen, welche von der Virus- und Klimakrise in den Fokus gerückt werden.

Zwei aktuelle Initiativen greifen dies auf.


Future Office

Die Wealthcap Research-Studie Future Office III: Perspektive Asset Management vom Ende Juli 2020 (in Zusammenarbeit mit dem Zentralen Immobilien Ausschuss ZIA) hatte schon herausgestellt, dass Mieter heutzutage mehr Flexibilität von ihrer Fläche, mehr Aufenthaltsqualität für die eigenen Mitarbeiter und mehr Nachhaltigkeit erwarten (S. 3). Für das Future Office werden dort vier wesentliche Erfolgskriterien identifiziert (S. 10):

  • Flexibilität (Flexible Office)
  • Nachhaltigkeit (Green Office)
  • Vernetzung (Smart Office)
  • Wohlbefinden (Wellbeing Office)

Entsprechende Standards werden nach der Studie von vielen Mietern und Nutzern und letztlich auch von Investoren als ohnehin vorhanden vorausgesetzt. Darüber, ob entsprechende Erfolgskriterien auch einen Mietaufschlag wert sein sollten, besteht nach der Studie dagegen unter Büromietern noch nicht überall Konsens. Jedenfalls soweit zahlungskräftige Mieter mit zukunftsstarken Geschäftsmodellen gewonnen werden sollen, sollten die Erfolgsfaktoren nach der Studie berücksichtigt werden.

Qualität zahlt sich aus: Büroflächen mit Innovationsdruck sind langfristig wettbewerbsfähiger und resilienter.

Wealthcap Research, Future Office III: Perspektive Asset Management, Juli 2020 (in Zusammenarbeit mit dem Zentralen Immobilien Ausschuss ZIA). S. 16

Siehe auch: Klimaangepasstes Bauen, Arbeiten und Betreiben? Wie Extremwetter-Ereignisse Wertschöpfungs-Ketten beeinflussen


Health & Wellbeing Framework

Am 04. November 2020 ist das World Green Building Council (WorldGBC) einen Schritt weitergegangen und hat den WorldGBC’s Health & Wellbeing Framework veröffentlicht. Auch weil die COVID-19-Pandemie den Zusammenhang zwischen der bebauten Umwelt und der menschlichen Gesundheit in den Mittelpunkt rückt, passt der auf Grundlage der UN Global Goals for Sustainable Development und nach Maßgabe des Lebenszyklusansatzes für den gesamten Immobilien- und Bausektor erstellte WorldGBC’s Health & Wellbeing Framework („a set of comprehensive global guidelines for driving healthy and equitable buildings for everyone, everywhere“) gut in die Zeit.

Building rating tools including, or focused on, health and wellbeing have catalysed this increase in global awareness. A focus on enhancing productivity in the workplace has been a core driver, with the private sector recognising a business case for a health-focused indoor environment that supports the wellbeing and capabilities of the human capital within. The impact of the COVID-19 pandemic has heightened this awareness of the impact of the built environment on people’s mental and physical health.

WorldGBC, Health & Wellbeing Framework, Executive Report, November 2020, p. 8

Das Rahmenwerk ist gedacht als umfassendes und globales Informationstool mit Richtlinien und Checklisten für Health & Wellbeeing im Immobilien- und Bausektor. Eine Innovation dieser Arbeit ist die sektorenübergreifende Analyse über den gesamten Lebenszyklus von Immobilien, die das Verständnis von Gesundheit & Wohlbefinden in Gebäuden, Städten und Gemeinden neu definieren soll. Folglich ist die Studie gerichtet an die Politik, an Stadtplaner, Projektentwickler, Architekten und Ingenieure sowie an die Baubranche, an die Nutzer (Mieter und Eigennutzer) und schließlich perspektivisch auch an Zertifizierer, welche nationale oder internationale Gebäudezertifizierungen zur Validierung der Umsetzung von Gesundheits- und Wohlfühlstrategien anhand standardisierter Benchmarks anbieten.

Der WorldGBC Health & Wellbeing Framework definiert sechs Prinzipien für eine gesunde und nachhaltige gebaute Umwelt über den gesamten Lebenszyklus von Immobilien hinweg:

  • KLIMASCHUTZMAßNAHMEN ERGREIFEN
    • Eindämmung des Klimawandels
    • Adaption und Widerstandsfähigkeit
    • Wassereffizienz
    • Ressourceneffizienz
    • Materialien-Gesundheit
  • GESUNDHEIT SCHÜTZEN UND VERBESSERN
    • Luftqualität
    • Wasserqualität
    • Psychische Gesundheit
    • Infektiöse Krankheit
  • KOMFORT FÜR GEBÄUDENUTZER PRIORISIEREN
    • Thermische Behaglichkeit
    • Beleuchtung
    • Akustik
    • Visuell
    • Ergonomisch
    • Inclusive Design
  • DESIGN FÜR HARMONIE ZWISCHEN NATÜRLICHER UND GEBAUTER UMWELT
    • Biophilic Design
    • Zugang zur Natur
    • Biodiversität
    • Naturbasierte Lösungen
  • POSITIVES VERHALTEN UND GESUNDHEIT FÖRDERN
    • Active Design
    • Ernährung
    • Hydratisierung
    • Soziale Konnektivität
  • MIT GEBÄUDEN UND COMMUNITIES EINEN POSITIVEN SOZIALEN WERT SCHAFFEN
    • Menschenrechte
    • Gesundheit am Bau
    • Community Health
    • Social Value

WorldGBC aims to catalyse change in industry ambition and transform the meaning of health and wellbeing for the sustainable building movement and wider sector. The WorldGBC Health & Wellbeing Framework equips the industry with the guidelines and tools to begin this fundamental transition.

WorldGBC, Health & Wellbeing Framework, Executive Report, November 2020, p. 6.

Den Zusammenhang von Health & Wellbeing und Klimaschutz stellt schließlich eine am 09.11.2020 veröffentlichte Studie von Agora Energiewende u.a. heraus:

Der Weg in die Klimaneutralität ist ein umfassendes Investitionsprogramm, vergleichbar mit dem Wirtschaftswunder in den 1950er/60er-Jahren. Kernelemente sind eine Energiewirtschaft auf Basis Erneuerbarer Energien, die weitgehende Elektrifizierung, die smarte und effiziente Modernisierung des Gebäudebestands sowie der Ausbau einer Wasserstoffwirtschaft für die Industrie. Dies steigert zugleich die Lebensqualität durch weniger Lärm und Luftschadstoffe.

Prognos, Öko-Institut, Wuppertal-Institut (2020): Klimaneutrales Deutschland. Studie im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneutralität, S. 3

© Copyright by Dr. Elmar Bickert

Über den Autor Dr. Elmar Bickert

Rechtsanwalt in Berlin, spezialisiert auf das Immobilien- und Baurecht aus dem Blickwinkel des gesamten Lebenszyklus von Immobilien, auf das Energierecht, das Umweltrecht und auf Sustainable Real Estate.