Es ist Wahlkampf in Berlin und ich muss an einen Esel denken. Warum?

Ich mag Esel. Sympathische Tiere. Mit eigenem Kopf. Bockig sagen die einen. Willensstark die anderen. Hören halt nicht auf alles, was man ihnen sagt. Bleiben mitunter stehen und wägen erst einmal selbst ab.

Das empfiehlt sich auch beim Anblick mancher Wahlplakate, denen man derzeit in Berlin nicht entgehen kann.

Zu der so wichtigen Wohnraum- und Mietenfrage wird da gerne mal pauschal „Abzocke“ und „Wahn“ plakatiert.

Es ist die extreme Sprache unserer Zeit. Was man ablehnt, wird kriminalisiert oder pathologisiert. Vom altbekannten „Klimawahn“ bis hin zum „Hochhauswahn“, überall wo sich Realität erweist und Wandel zeigt, folgt die Pathologisierung, nicht der eigenen Angst vor Veränderung, sondern jener Personen, die etwas bewegen wollen. Nun der „Mietenwahn“ – inklusive pauschaler Kriminalisierung der Wohnraumschaffenden.

Stellen Sie sich vor, sie bauen in einem solchen Sprachraum ein nachhaltiges Wohnhochhaus zur Vermietung, verlangen vielleicht für die oberen Stockwerke mehr als für die unteren. In einer solchen Welt sind Sie gleich dreifach wahnhaft.

Dabei könnte die Wohnraum- und Mietenfrage selbst zum Esel werden. Zu Buridans Esel. Ein philosophisches Gleichnis, das mir in den Kopf kam:

Der Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Am Ende verhungert er, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst verspeisen soll.

A donkey stands confused between two identical haystacks labeled Haystack 1 and Haystack 2, unable to decide which to choose.
Jetpack AI: A donkey struggles to choose between two identical haystacks.

Staatliche Enteignung hier und staatliche Regulierung inklusive Sanktionierung dort werden der Wohnraum- und Mietenfrage als Antworten angedient, beides so verlockend, dass sie Gefahr läuft, tragisch in dem Buridanschen Paradoxon zu enden, der letztlich ein Deadlock ist, eine Situation, in der (vermeintliche) Lösungen zur Blockade und zum Stillstand führen.

Der Vergleich mag hinken. Trotzdem schönes Bildnis. Und der Deadlock ist real.

Und der Esel ist tot? Nein, keine Sorge. Dem Esel geht es gut. Leibniz hat das Gleichnis aufgegriffen und festgestellt, dass der Esel nicht verhungert. Er entscheidet sich immer. Rationalität führe zu Finalität.

In unserem Vergleich aber – die Wohnraum- und Mietenfrage als hungriger Esel – kann auch das zum Problem werden.

Was wird aus dem Esel, wenn er merkt, dass ihm weder der Enteignungs- noch der Regulierungs-Heuhaufen als Lösung schmeckt und ihm keiner von beiden gut tut?

Oder schlimmer noch: Wenn er merkt, dass er gerade das Saatgut gegessen hat, das er so dringend für seine zukünftigen Ernten braucht? Wenn er das verspeist hat, was er so dringend für die eigentliche Lösung der Wohnraum- und Mietenfrage braucht: Wohnungsbau und die dafür erforderlichen Investitionen, Anreize und Planungssicherheiten.

Aber der Esel ist klug.

Er hat u.a. das Jahresgutachten des Sachverständigenrats für Wirtschaft und den Country Report – Germany der EU-Kommission gelesen: Mietregulierung löst nicht die Ursachen der Wohnraumknappheit, eine zu restriktive Regulierung verringert vielmehr die erforderlichen privaten Investitionsanreize in Wohnraum. Und er weiß vom BVerfG, dass er das Saatgut nicht verspeisen darf:

Der Wohnungsmangel auf angespannten Mietmärkten lässt sich dauerhaft nur bekämpfen, indem zusätzlicher Wohnraum geschaffen wird.

Und so steht der Esel vor den Wahlplakaten und hofft, dass auch andere nicht schon deswegen in die falsche Richtung laufen, nur weil jemand „HÜA“ ruft.

© Copyright by Dr. Elmar Bickert

Beitragsbild: Jetpack AI

Siehe auch: