Während in den USA gerade eine scharfe ESG-Debatte geführt wird mit nicht wenigen Verweisen auf die EU (siehe: US Midterms & EU Real Estate Trends: ESG at risk?), erklärt sich die EU zum Spitzenreiter bei den weltweiten Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Schon am 21. April 2021 hatte die Europäische Kommission ihren Vorschlag für die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) vorgelegt (siehe: Deutscher Corporate Governance Kodex (DCGK) 2022 und EU Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD): Nachhaltigkeit nach innen und nach außen). Der Vorschlag zielt darauf ab, die Lücken in den bestehenden Vorschriften über nichtfinanzielle Informationen zu schließen. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung könnte zusätzliche Investitionen und Finanzmittel mobilisieren, um den im Grünen Deal beschriebenen Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu erleichtern, so die Kommission. So müssen Unternehmen bessere Informationen über die Nachhaltigkeitsrisiken, denen sie ausgesetzt sind, und über ihre eigenen Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Umwelt bereitstellen.

HINWEIS:
Die Taxonomie-Verordnung hatte die Anforderungen an die Berichterstattung schon um Angaben zur ökologischen Nachhaltigkeit erweitert. Seit Januar 2022 besteht eine Berichtspflicht für die Bewertung der Taxonomiebefähigung und ab 2024 für die Bewertung der Taxonomiekonformität im Hinblick auf die Umweltziele.

Das EU-Parlament hat nun am 10. November 2022 die Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (Corporate Sustainability Reporting Directive, CSRD) nach langen Diskussionen verabschiedet, mit der Transparenz in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung für große Unternehmen zur Norm werden soll: Alle großen Unternehmen in der EU müssen künftig Daten über die Auswirkungen ihrer Tätigkeiten auf die Menschen und die Umwelt sowie über alle Nachhaltigkeitsrisiken, denen sie ausgesetzt sind, offenlegen. Dies soll auch dem Greenwashing ein Ende setzen, die soziale Marktwirtschaft in der EU stärken und den Grundstein für Nachhaltigkeitsberichtsstandards auf globaler Ebene legen.

Aus sog. nichtfinanziellen Informationen (NFRD) wird die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Rund 50 000 Unternehmen sollen von den neuen EU-Nachhaltigkeitsstandards erfasst werden, derzeit sind es 11 700. Die neuen EU-Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung werden für alle großen Unternehmen gelten, unabhängig davon, ob sie börsennotiert sind oder nicht. Auch Nicht-EU-Unternehmen, die in der EU in erheblichem Umfang tätig sind (mit einem Umsatz von mehr als 150 Millionen Euro in der EU), müssen die Anforderungen erfüllen. Auch börsennotierte KMU werden erfasst, haben aber mehr Zeit, sich an die neuen Vorschriften anzupassen.

Die bisherigen Regelungen wurden als weitgehend unzureichend und unzuverlässig angesehen. Mit der CSRD werden detailliertere Anforderungen an die Berichterstattung über die Auswirkungen der Unternehmen auf die Umwelt, die Menschenrechte und die Sozialstandards eingeführt, die auf gemeinsamen Kriterien im Einklang mit den Klimazielen der EU beruhen. Die Taxonomie-Verordnung wird Bestandteil der neuen Berichtspflichten (siehe auch: Sustainable Finance Strategy on track: Neues zur EU-Taxonomie, Offenlegungsverordnung und nationalen Nachhaltigkeitsstrategie).

Nach einem umfassenden ESG-Ansatz erstrecken sich die Berichtspflichten auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren. Die Widerstandsfähigkeit der Geschäftsmodelle und Strategien der Unternehmen gegenüber den Risiken aus den Nachhaltigkeitsaspekten und die Chancen der Unternehmen aus den Nachhaltigkeitsaspekten rücken in den Fokus. Hierzu gehören auch und vor allem die Risiken und Chancen aus dem Klimawandel und eine Positionierung zur Erreichung des Ziels der Klimaneutralität. Nach der Outside-In-Perspektive muss darüber berichtet werden, welche Nachhaltigkeitsaspekte sich wesentlich auf die wirtschaftliche Lage und den Geschäftsverlauf des Unternehmens auswirken. Nach der Inside-Out-Perspektive ist darüber zu berichten, welche Geschäftstätigkeiten, Produkte bzw. Dienstleistungen des Unternehmens wesentliche Auswirkungen auf die Nachhaltigkeitsschutzgüter haben.

Die neuen Anforderungen machen Nachhaltigkeitsaspekte auf Ebene der Geschäftsführung, der Aufsichtsebene und in der Corporate Governance der Unternehmen verbindlich einschließlich Sorgfaltspflichten im Rahmen der Wertschöpfungskette unter Beachtung der Corporate Sustainability Due Diligence Directive. Nach dem sog. „comply or explain“-Grundsatz ist die Option gewährleistet, über ein Aspelt nicht zu berichten, vorausgesetzt, dies wird hinreichend begründet.

Um sicherzustellen, dass die Unternehmen zuverlässige Informationen liefern, werden sie einer unabhängigen Prüfung und Zertifizierung unterzogen. Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstattung werden gleichberechtigt sein, Investoren sollen über vergleichbare und zuverlässige Daten verfügen. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung wird dem Lagebericht zugeordnet. Der digitale Zugang zu Nachhaltigkeitsinformationen muss ebenfalls gewährleistet sein.

Die Kommission wird den ersten Satz von Standards bis Juni 2023 annehmen. Diese einheitlichen EU-Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung werden verbindlich.

Siehe zu den am 23. November 2022 an die EU-Kommission übergebenen EFRAG-Entwürfe der European Sustainability Reporting Standards HIER.

Die Vorschriften sollen zwischen 2024 und 2028 in Kraft treten:

  • Ab dem 1. Januar 2024 für große Unternehmen von öffentlichem Interesse (mit mehr als 500 Beschäftigten), die bereits der Richtlinie über die nichtfinanzielle Berichterstattung unterliegen, wobei die Berichte im Jahr 2025 fällig sind.
  • Ab dem 1. Januar 2025 für große Unternehmen, die derzeit nicht der Richtlinie über die nichtfinanzielle Berichterstattung unterliegen (mit mehr als 250 Mitarbeitern und/oder einem Umsatz von 40 Mio. € und/oder einer Bilanzsumme von 20 Mio. €); die Berichte sind im Jahr 2026 fällig.
  • Ab 1. Januar 2026 für börsennotierte KMU und andere Unternehmen, deren Berichte 2027 fällig sind. KMU können sich bis 2028 von der Verpflichtung befreien lassen.

HINWEIS:
Die EU-Kommission hat mit ihrem Vorschlag für eine Richtlinie zur Änderung der Richtlinien 2005/29/EG und 2011/83/EU hinsichtlich der Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel durch besseren Schutz gegen unlautere Praktiken und bessere Informationen eine weitere Regulierung gegen Greenwashing eingeleitet. Sie möchte vorgehen gegen Grünfärberei (d. h. irreführende Umweltaussagen), Praktiken der frühzeitigen Obsoleszenz (d. h. vorzeitiges Ausfallen der Waren) und die Verwendung unzuverlässiger und nicht transparenter Nachhaltigkeitssiegel und -informationsinstrumente.

Siehe auch:

US Midterms & EU Real Estate Trends: ESG at risk?

© Copyright by Dr. Elmar Bickert